Ich weiß nicht was morgen ist

Seit drei Monaten lebe ich in einem Ghetto. Sie nennen es Ankerzentrum. Ich habe nicht verstanden, was das heißt, aber ich fühle mich abgedrängt, isoliert, jeden Tag. Sie wollen nicht, dass wir Kontakt haben zu den Leuten draußen, uns beraten lassen. Wenn ich mal raus will, ist das sehr schwierig. Manchmal schmuggle ich mich raus. Dann kriege ich es mit der Polizei zu tun. Aber sie respektieren die Flüchtlinge. Gute Worte bringen mich immer weiter. Die behandeln mich respektvoll.
Good words never fail.

Einige von uns werden verrückt durch die Isolation. Die kriegen einen Lagerkoller. Der Block zwölf ist berüchtigt. Da machen sie Sachen, die sind nicht legal. Zigaretten, Alkohol und so. Dann nimmt die Polizei sie in ihrem Auto mit, manchmal mit Gewalt. Nach einiger Zeit sind sie zurück und fangen wieder an damit.

Ihr redet immer von sicheren Herkunftsländern. Ich komme aus so einem Land, aber mein Leben ist dort nicht sicher. Deshalb fühle ich mich hier diskriminiert. Auch weil ich keine Chance habe zu arbeiten. Es ist nicht wegen meiner Rasse, es ist eine Diskriminierung, weil die Regierung und das deutsche Gesetz es so wollen. Weil sie sagen, in meinem Land gibt es keinen Krieg.

Hier ist nicht mein Land, das ist die traurige Realität. Ich muss kooperativ sein, weil ich dieses Land brauche, ich muss mich anpassen, muss wie ein Chamäleon sein. Ich bin oft traurig, vermisse meinen Sohn, der ist zehn. Dann schaue ich YouTube. Ich sehe diese Videos einfach nur, um zu lachen. Und wenn ich das Handy weglege, dann kommt die Wirklichkeit zurück, ich komme davon nicht los, sie ist dauernd in meinem Kopf.

Ich wünsche mir, dass die Deutschen offener sind für uns Fremde, dass sie ihre Türen und Fenster öffnen für uns. Dass sie uns näher kennenlernen wollen. In Frankreich ist das anders. Da gehören Afrikaner seit Jahrzehnten dazu. Ich glaube, die Engländer und Franzosen sind freundlicher zu uns, weil sie den Afrikanern etwas zurückgeben wollen von dem, was sie ihnen genommen haben. In Frankreich ist die Bewegungsfreiheit viel größer, man kann dort auch ohne Papiere arbeiten.

Aber Deutschland ist die beste Lösung für mich. Ich glaube es, ich fühle es. Trotz aller Einschränkungen. Vielleicht denke ich später einmal anders. Manchmal ist es nicht leicht, aber es ist nicht so kritisch wie in anderen Ländern. Hier habe ich eine Chance zu leben, hier fühle ich mich sicher, ich kann gut schlafen. Meine Gegenwart ist sicher, aber meine Zukunft ist nicht sicher. Ich weiß nicht, ob sie mir morgen sagen „Du musst zurückgehen“. Ich habe nur von einem einzigen Mann gehört, der aus meinem Land kommt und Asyl bekommen hat. Aber vielleicht hat er gelogen. Man weiß das nie so genau, die Leute reden viel, vielleicht stimmt es nur in seiner Fantasie.

Aber ... ich bin auch müde vom langen Wandern, ich möchte zur Ruhe kommen. Ich will Deutschland nicht verlassen, auch ohne Asyl will ich hierbleiben. Ich würde mich verstecken, auch ins Gefängnis gehen. Ich habe Deutschland immer schon bewundert. Fußball, der Kaiser.

Das Schlimmste hier ist, dass ich mich nutzlos fühle. Ich will immer einen Beitrag leisten zu etwas. Aber sie sagen, es ist nicht möglich. Ich bin so aufgewachsen, dass ich immer etwas tun muss. Aber ich darf nicht. Das ist das Schlimmste. Neulich durfte ich für zwei Stunden ein paar Kindern zeigen, wie man zeichnet. Ich habe mich wieder nützlich gefühlt, das Gefühl war wirklich gut, ich war ein neuer Mensch.

Meine größte Sorge ist, dass ich Negativ bekommen werde, dass sie mich zwingen zurückzugehen. Ich weiß nicht, was morgen ist.

Aufgezeichnet von Oliver v. Flotow – Februar 2019